Manager großer Konzerne erhalten gigantische Summen für Ihre Arbeit, öfter auch mal das 100-fache eines Facharbeiterlohnes. Die Rechtfertigung: Sie tragen auch gigantische Verantwortung.
Große Verantwortung trugen sie früher auch schon, erhielten aber ca. nur das 10-fache eines Facharbeiterlohnes. Worin besteht nun die heutige gigantische Verantwortung? Sie besteht darin, weitreichende Entscheidungen zu treffen, von denen Tausende von Mitarbeitern betroffen sind – wie früher auch – und die ein Unternehmen erfolgreich machen oder nicht oder wie im Falle des Volkswagen-Konzerns, diesen erheblich schädigen, u.a. durch Strafen in Höhe von zweistelligen Milliardenbeträgen wegen Betruges. Der Gesamtschaden wird auf ca. 30 Milliarden Euro geschätzt.
Wie tragen nun die Entscheider eine solche Verantwortung?
Winterkorn z.B. lehnt die Verantwortung für den gigantischen Abgas-Betrug ab. Kann sein, dass er ihn nicht explizit angeordnet hat. Er hat lediglich 2013 von seinen Ingenieuren gefordert, dass sie den Schadstoffausstoß der Dieselfahrzeuge um weitere 30% reduzieren sollen, nachdem sie schon über Jahre alles, was überhaupt technisch möglich ist, ausgereizt hatten, um den geringstmöglichen Schadstoffausstoß zu bewirken. Sie standen mit Rücken an der Wand. All das weiß man.
– En passant: Auch Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, forderte einstmals von seinen Managern, 25% Rendite zu erwirtschaften. Alles endete in riesen Betrügereien, wie man heute weiß. Komisch, dass über Jahrzehnte des wirtschaftlichen Aufstiegs Deutschland so eine Art 3%-Marke galt. 3%-Rendite in Unternehmen war ok. 3% Arbeitslose waren ok. 3% Zinsen auf dem Sparbuch waren ok. –
Der Druck und die Angst der Ingenieure vor Entlassung war und ist gigantisch. Wenn nicht gehorcht wird und die Forderungen der Manager nicht erfüllt werden, dann … Das weiß man auch.
Also kam man (vermutlich irgendein findiger Ingenieur bei VW) auf die Idee, die Messtechnik auszutricksen, damit die Autos auf dem Papier geringe Werte anzeigen. Die Manager und die Verantworter wollten es vermutlich nicht so genau wissen. Ungewöhnlich für Manager, die auch leidenschaftliche Ingenieure sind und sich für jedes noch so kleine technische Detail interessieren und auch da bestimmen wollen. Es ist einfach nicht glaubhaft, dass sie nichts wussten, wenn man den Betrieb ein bisschen kennt.
Nun sollen die Manager für den Schaden haften? Sind sie überhaupt dazu in der Lage, Milliardenbeträge an Volkswagen zu zahlen? Eher nicht. Außerdem gibt es da noch Versicherungen, die sowas versichern, also ihnen die Verantwortung gegen Geld abnehmen, wenn was schiefgeht. Sie zahlen aber nicht bei vorsätzlich begangenen Straftaten, und die maximale Deckungssumme liegt bei 500 Millionen Euro, also nur ein Bruchteil. Müssen die Versicherungen bezahlen, dann holen sie sich das von der Allgemeinheit der Versicherten wieder zurück, mit höheren Beiträgen.
Die Manager sind ihre Verantwortung los, sie sind also verantwortungslos. Tolles Konzept.

Hintergrund
– Petermann, Jan/ Weckwerth, Christopher 2021: EX-Chefs sollen Schadensersatz zahlen. Fünfeinhalb Jahre nach der Enthüllung des Dieselskandals belangt Volkswagen Martin Winterkorn und Rupert Stadler. Schwerwiegende Verletzung der Sorgfaltspflicht. Gerichtsverfahren wegen bandenmäßigen Betrugs. In: WNZ vom 27.03.2021. Seite 6
– Fromme, Herbert 2021: Versicherer sollen zahlen. In: SZ Nr. 73 vom 29.03.2021, Seite 17
– Schmidbauer, Jan 2021: Viele Folien und „eine Bombe“. Im Audi Straf-Prozess sagt der angeklagte Abgastechniker Henning L. aus – und beschreibt ein sehr spezielles System. „Henning L. spricht von einer ´Angstkultur`, die lange Zeit bei Audi geherrscht habe.“ In: SZ Nr. 262 vom 12.11.2020, Seite 18