Sprechtexte

Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass Theaterlehrer ein starkes Verhältnis zum Theatertext, insbesondere zum  Sprechtext haben. Ich vermute, die schulische Sozialisation hat da heftig zugeschlagen. Wer kennt das nicht: Im Deutschunterricht werden Theaterstücke gelesen(!). Die Dichterfürsten sind heilig. Der Text ist heilig. -

So gibt es noch eine Reihe von Theaterlehrerkollegen, die das Pferd von hinten aufzäumen. Sie lassen zuerst den Sprechtext eines Theaterstückes auswendig lernen, wenn sie mit Schülern ein Stück aufführen wollen. Eigentlich sollte jeder ausgebildete Theaterlehrer wissen, dass in der Genese des Theaters der Sprechtext, überhaupt Text am Ende der Genese des Theaters kommt – das hat Gründe – ein kleiner Hinweis auf die Bedeutung von Text im Theater(!).

Wir erleben solche textlastigen Laienaufführungen – bei den Profis ist das manchmal ähnlich – als gestelzt, unorganisch, geschauspielert (man sieht, dass sich bemüht wird schauzuspielen). Text und Handlung wollen nicht so recht zueinander passen und stellen sich auch nicht als dramaturgisch geplanter, gewollter Bruch dar. Es ist oft einfach nur langweilig. Vielleicht noch interessant für die ältere alleinstehende Dame mit Theaterabonnement, die eifrig bei Aufführungen im Reclamheftchen mitliest. Gibts die noch? Ich habe sie als jugendlicher Theatergänger noch öfter in Stadttheatern gesehen.

Jörg Hartmann, zum ersten Mal Tatort-Kommissar in Dortmund, zu sehen am 23. September 2012, sagt es uns nochmal:

“Glücklicherweise fällt mir das Auswendiglernen nicht schwer. Voraussetzung ist aber: Ich muss den Inhalt der Szene, die Motivation und Haltung der Figur wirklich begriffen haben. Habe ich den Text dann auf der Probe zum ersten Mal gespielt(sic!), kommt das Körpergedächtnis hinzu. Denn das ist das Verrückte: Habe ich den Text mit einer inneren Haltung, mit einer Bewegung oder speziellen Position verbunden, ihn erlebt, erinnert sich nicht nur mein Hirn, sondern der ganze Körper. Selbst wenn man ein Theaterstück nach langer Zeit ‘hochholt’, ist plötzlich alles wieder da.” gelesen in: UNICUM. Das bundesweite Campusmagazin 09-2012, 30. Jahrgang, www.unicum.de, Bochum, S. 10.

Aha. Der Körper ists, der alles ankert und erst bedeutsam macht. Wussten wirs doch: Das erste Theater ist der Körper. Nicht der Text.

Ein Gedanke zu “Sprechtexte

  1. Die Stimme reflektiert jede innere Regung, die derzeitige Befindlichkeit und letztlich auch die innere Einstellung und Haltung des Sprechers oder Schauspielers.

    Mit dem tiefen Einsteigen (ideal natürlich der völligen Verinnerlichung) in einen Text, in eine Rolle oder in eine Botschaft, vermag es der Vortragende sodann, eine authentische, wahrhafte Version dieser Gedanken, dieses Charakters auszusprechen.

    In Ruhe oder in Bewegung, je nach Art des Textes und der Person oder des Charakters eben.

    Wer dies beherrscht, der beherrscht eine große Kunst!

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