Falsches Bild von Theaterunterricht in der Öffentlichkeit

Zugespitzt

Und da ist er wieder. Oder besser: immer noch. Der Theater-Lehrer, der denkt, er sei Regisseur. Fetter Artikel in der FAZ vom 25.01.2013., S. 56 „Der Traum vom Beruf als Schauspieler schwingt mit“. Der Lehrer-Regisseur, der mit einem Schülerensemble arbeitet. Um seine Ambitionen, seine Phantasien zu bedienen. Eigentlich ist er ja Lehrer für Darstellendes Spiel. An einer allgemeinbildenden Schule. Sein Fokus sei nicht die Förderung von Schauspieltalenten. Aber alles sieht danach aus. Trotz gegenteiliger Behauptung. Große Präsentationen. Würdigung in überregionalen Zeitungen. Mehrfache Aufführungen. Die unmäßig viel investierte Arbeit muss ja irgendwie gewürdigt werden. Aus seiner Schmiede kommen Stars. Mit denen hat er aber keinen Kontakt mehr. Die sieht er nur noch in Film und Fernsehen. Aber er war ihr Macher. Er hat sie geformt. Er hat sie gestriezt und dahin gebracht. Alle sind stolz auf sich und ihre „zusätzlichen Aktivitäten bei vielen freiwilligen Wochenendproben.“ (Selbstauskunft des Kollegen auf der Homepage des Albert-Einstein-Gymnasiums vom 17.02.2013)

Breit gefächert
Nur damit keine Missverständnisse entstehen. Ich bin auch kein Regisseur, nur Theater-Lehrer. Ich kenne die Versuchung, die Position des Lehrers zu nutzen, um mit Schülern ein Stück zu inszenieren, große Aufführungen zu machen und Festivalpreise zu gewinnen. Ich bin ihr auch erlegen. Menschlich. Insofern spieße ich mich auch selbst auf. Stecke auf dem gleichen Spieß, wie mein Kollege, der vermutlich auch tolle Aufführungen gemacht hat im Vorder-Taunus. An einer Schule, wo morgens Schüler vor der Schule rausgelassen werden aus M-Klasse, Jeep, Lexus.
Glückwunsch zur Feier. Ganz ehrlich. Zu 20 Jahren Schultheater. Wir haben nicht so groß an unserer Schule gefeiert. Keine Frage.
Doch. Eine.
Tun wir unserem Twen Darstellendes Spiel als Unterrichtsfach wirklich einen Gefallen, wenn wir nach außen zeigen, was eben nicht in zweistündigem Theaterunterricht möglich ist?
Warum ist das, was der Kollege da macht, so kontraproduktiv für die Entwicklung und Außendarstellung unseres Unterrichtsfaches Darstellendes Spiel/ Theater?

Hier wird eine schöne Tradition – Theaterarbeit in freiwilligen Arbeitsgemeinschaften – fälschlicherweise übertragen auf eine neue Situation, auf Theater-Kursunterricht als benotetes Nebenfach, als Wahlpflichtfach.

Klartext: Das ist Etikettenschwindel, lieber Kollege! Und es erschwert uns die Arbeit und die Argumentation für das Fach.

Unsere Aufgabe als Theaterlehrer in meist zweistündigem, selten dreistündigem Theaterunterricht ist eine andere. Unsere Präsentationsformen müssen andere sein.

Nur damit keine Missverständnisse entstehen. Ich finde die Arbeit des Kollegen – so wie er sie beschrieben hat – wunderbar und unverzichtbar als Angebot an allgemeinbildenden Schulen. Aber nur als eine Variante von freiwilligen Theater-Arbeitsgemeinschaften. Jede Schule sollte solche AGs haben.

Warum ist dieser Etikettenschwindel so schlimm?

Unser junges Fach steht auf noch dünnen Beinchen. Keine Lehrpläne in der Sek 1, keine ausreichende Theaterlehrer-Ausbildung usw.

Solche großen Produktionen mit unmäßiger Selbstausbeutung des Kollegen vor die große Öffentlichkeit getragen spiegeln nicht die Arbeitsweise und die Arbeitsergebnisse von Theaterunterricht wieder.

Sie setzen vielmehr eine falsche Erwartungshaltung des Umfeldes: „Aha, so tolle Sachen machen die im Unterricht!“ Was ja nicht stimmt.

Schüler müssen dazu an „vielen freiwilligen Wochenenden“ arbeiten. Der Druck in einem Kurs ist enorm, wenn einige nicht diese „vielen freiwilligen Wochenenden“ opfern können. Was gibt der Kollege dem Schüler für eine Note, der nicht an „vielen freiwilligen Wochenenden“ kommt, weil er beispielsweise arbeiten, muss, um zu leben, weil er von zu Hause ausgezogen ist, weil er sich um kranke Eltern, Geschwister kümmern muss, weil er im Verein eine wichtige Rolle bei Wettkämpfen spielt, weil er für Klausuren lernen muss, weil er mal seine Ruhe haben will usw.?

Welcher Kollege kann bei drei, vier, fünf oder mehr DS-Kursen und voller Stelle auf Dauer solche Selbstausbeutung betreiben? Um diesem irreführenden Modell und Maßstab, dem hier fälschlicherweise gehuldigt wird, zu genügen? Insbesondere welcher junge Kollege, der gerade aus der Ausbildung kommt, kann das leisten?

Wo bleibt die Realisierung all dessen, was im Theaterunterricht von Schülern noch gelernt werden soll, neben dem „hohen Wert der schauspielerischen Arbeit“ (Frankfurter Neue Presse, 31.01.2013)?
Ein Blick in die Lehrpläne würde es dem Kollegen offenbaren.
Vielleicht auch ein Blick in das nächste Heft „Spiel&Theater“ April 2013.
Da wird es einige Denkansätze geben zu den Fragen:
Welche Rolle spielt ein Theaterlehrer im Theaterunterricht?
Wie stehen Arbeitsprozess und Arbeitsergebnis im Theaterunterricht zueinander?
Welche Präsentationsformen der Arbeitsergebnisse sind im Theaterunterricht angemessen?
Und welche Öffentlichkeit ist die richtige?

 

 

4 Gedanken zu „Falsches Bild von Theaterunterricht in der Öffentlichkeit

  1. Ok, hören wir also auf über unsere Grenzen zu gehen und uns selbst auszubeuten. Schluss mi dem Streben nach etwas Herausragendem. Machen wir endlich Dienst nach Vorschrift und bleiben mittelmässig, damit nicht der Eindruck entsteht, die Schule sei besser als sie ist. Und bitte verlangt von Schülern nicht über ihre Grenzen zu gehen und etwas wunderbares zu erschaffen. Damit keiner von den Kollegen degradiert wird von denen, die in ihrem Elan nicht an sich halten können.
    Habe ich Dich richtig verstanden ? Hilfe.
    Anstatt Normen aufzustellen, sollten wir Stolz auf die Vielfalt unserer Arbeit sein. Denn es gibt auch Schulen die z.B. begreifen, dass 4, 6, oder 12 Wochen Theater ohne Unterricht der totale Bringer sein können und dann sogar unsere Überstunden bezahlen. Es ist doch grausam sich damit abzufinden 20x 2 Stunden an einer Schule zu unterrichten. Das kann eine Form sein, aber bitte nicht dieses klein karierte Denken, als gäbe es eine Regel für künstlerisches Arbeiten. Bitte lass die Kollegen weiter an dem Wunderbaren arbeiten, ohne Pause und ohne Geld, denn ohne diese Bereitschaft zum Wahnsinn verödet diese Welt. Und niemand verlangt von Dir, dass du das Gleiche leisten muss, also entspann Dich. Beste Grüsse.

    • Lieber Folke Witten,

      herzlichen Dank für deinen Beitrag.

      Du bist ja ganz leidenschaftlich auf Krawall gebürstet.

      Zunächst mal: Ja, du hast recht, der 45-Minuten-Raum-Takt des Systems Schule spricht allen Lebenserfahrungen und allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema Lernen Hohn. – Wir haben uns vor über 20 Jahren mit der Absicht auf den Weg gemacht, Theater auch in den regulären Unterricht zu bringen. Jetzt sind wir immerhin schon so weit, dass das Fach Theater oder Darstellendes Spiel in der Oberstufe fest verankert ist. Seit drei Jahren kann Darstellendes Spiel auch im Abitur geprüft werden. Ich habe dazu auch gemischte Gefühle, weil ich den Vereinheitlichungs- und Gleichmachereidruck der Kultusbürokratie kritisch sehe. Aber wir haben A gesagt und nun können wir uns schlecht vor B drücken. Wir würden unglaubwürdig. Wir haben also in 20 Jahren ein neues Unterrichtsfach in die Welt gebracht, und es wird jetzt mehr Theater denn je in Schulen angeboten und gerne von Schülern genutzt. Sehr viel mehr als früher, als es nur die Theater-Arbeitsgemeinschaften gab. Und die gibt es noch immer. Jetzt sind die sogar deutlich kompetenter aufgestellt, weil das Unterrichtsfach Darstellendes Spiel teilweise durch Schüler- und Lehrerpersonalunion auch hier Wirkung zeigt. Schüler, die in Theater-AGs sehr frei arbeiten können, nutzen dort ihre im Theaterunterricht erworbenen methodischen Kompetenzen und erprobten Regeln künstlerischen Arbeitens. Theater-AGs werden mittlerweile auch von ausgebildeten Theaterlehrern geleitet. Eine deutliche Qualitätssteigerung der Arbeit ist die Folge. Das finde ich großartig.
      Die nach meiner Erfahrung zumeist zwischen 14 und 17 Doppelstunden umfassende Arbeit pro Halbjahreskurs mit Schülern im regulären Theaterunterricht ist eine sehr ungünstige Variante. Es gibt aber viele Alternativen zur Optimierung in den Bundesländern. Angefangen von Projektwochen und Schwerpunktkursen mit mehr Stunden bis hin zu Modellen wie die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden. Ich lege auch, sooft das geht, meine Stunden zusammen, z.B. an einem langen Nachmittag oder am Wochenende, sofern die Schüler damit einverstanden sind. Aber auch in dem normalen zweistündigen Theaterunterricht geschieht manchmal Wunderbares oder gar kleine Wunder. Schüler sind plötzlich durch unseren Unterricht angeregt, ihre bisher nicht erkannten schlummernden Potenziale zu entdecken und beginnen diese – natürlich mit unserer ständigen Begleitung und Unterstützung – zu entfalten und zu entwickeln. Jeder Theaterlehrer hat solche schönen Beispiele. Das finde ich auch großartig.
      Bedingt durch meine jahrzehntelange Arbeit als Theaterlehrerweiter- und fortbildner und Schulberater habe ich viele Rückmeldungen von Kollegen erhalten, die mir den Druck schildern, unter dem sie sich fühlen, „große“ Produktionen machen zu müssen und sich am Rande der Erschöpfung bewegen. Das hat mit den falschen Modellen und Vorbildern zu tun, die aus der Tradition der AG-Arbeit kommen und 1:1 und unbefragt auf Unterricht übertragen wurden und (siehe das Beispiel) immer noch werden. Das falsche Vorbild ist das professionelle Theater, das Modell Stadttheater, das unkritisch in der Schule kopiert wird. Die Kunstform Theater nimmt Schaden – durch die schlechte Kopie – und die Bildungsarbeit der Schule nimmt Schaden auf Schüler- und auf Lehrerseite. Schüler erhalten nicht die optimalen individuellen Lernchancen zur Potenzialentfaltung und Lehrer verschleißen sich.
      Und abschließend noch eine Bemerkung zu deiner Annahme, dass es keine Regeln für künstlerisches Arbeit gibt. Da muss ich dich enttäuschen. Die gibt es. Ohne diese wäre unsere ganzes Tun beliebig. Und das hat nichts mit Kunst zu tun.
      Insofern nehme ich gerne deinen Rat an und entspanne mich.
      Solidarische Grüße
      Volker

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