Elektronische Medien im Theaterunterricht

Worum geht’s nicht?

Elektronische Medien haben Einzug gehalten ins Theater, auch ins Schultheater. TV-, Videogeräte, Beamer, Computer, Livestreams auf Leinwand oder andere Projektionsflächen wie die Bühnenrealität, Spieler, Gesichter setzen neue und ungewohnte Impulse. Manchmal pfiffig und kreativ genutzt und bereichernd für eine theatrale Ästhetik. Oft – nach meinen Erfahrungen – eher platt einem Hype, früher sagte man Trend, folgend – irgendwie in das Bühnen- oder Raumspiel eingebaut als Verdoppelung des Geschehens,  besser noch als Subtext oder Vision, als Kompositionsmethode Bruch.

Worum geht’s – allgemein.

Mich bewegen folgende Fragen:

Was ist das Prickelnde an der Nutzung elektronischer Medien nicht auf der Bühne, sondern während des theatralen Produktionsprozesses?

Wie können wir als Theaterlehrer diese Medien unterstützend im Unterricht einsetzen und unseren Schülern auch hier zukunftswichtige Lernfelder anbieten?

Wie bereiten wir diese Lernfelder auf, sodass für Schüler viele Möglichkeiten bieten, ihre Selbstlernkompetenz zu trainieren möglichst viel Verantwortung in einem (Lern-)Prozess zu übernehmen, den sie tendenziell immer selbstständiger auch steuern?

Worum geht’s – aufgegliedert.

Wir haben grob unterteilt drei Felder der Nutzung:

1. digitale Kommunikationsinstrumente

2. Einsatz von Digicam während der Proben als Feedbackinstrument

3. Aufnahme der Werkschau, Analyse, Podcastproduktion usw.

Worum geht’s – hier speziell und im Detail.

Besonders interessant erscheint mir der Punkt 1. Welche hilfreichen Instrumente gibt es hier? Der Austausch per Emails dürfte mittlerweile Standard sein.

Internet-Unternehmen bieten unentgeltlich verschiedene Programme  und Kommunikationsplattformen an. Man muss sich lediglich anmelden und sich einen sog. Account einrichten, d.h. nichts anderes als sich per selbst erteiltem Kennwort einen nur individuelle nutzbaren Bereich zu schaffen. Auf die Risiken der Verwendung der Daten des Nutzers durch den Provider soll hier nur hingewiesen, aber nicht vertiefend eingegangen werden.

Habe ich mir diesen Account eingerichtet, beispielsweise bei Google „Text&Tabellen“, dann kann ich dort Dateien in Word oder Excel von meinem Rechner hochladen und andere Nutzer einladen, diese Dokumente zu bearbeiten oder eingeschränkt nur zum Lesen zur Verfügung zu stellen, wenn ich möchte, dass diese Dokumente nicht verändert werden. Die Programme sind in ihrem Leistungssprektrum deutlich abgespeckt, aber vollkommen ausreichen für unsere Zwecke.

Als Theaterlehrer kann ich nun Dokumente – auch Filmaufnahmen aus Proben oder anderes hilfreiches Filmmaterial – hier deponieren und meine Schüler – die ich per Email und Zugangsberechtigung eingeladen habe – bitten, die Filme anzuschauen, die Texte zu lesen, sie auf ihren Rechner herunterzuladen, sie auszudrucken und zu bearbeiten. – Nie mehr das lästige stundenlange Kopieren von Texten für Schüler durch den Lehrer!

Alle eingeladenen Schüler können auch Dokumente von ihren Rechnern dort hochladen und ebenfalls auf diese Weise ihren Mitschülern zur Verfügung stellen.

Den hilfreichsten Nutzen erlebe ich in einer Word-Datei, die als Kommunikationsplattform für alle Kursteilnehmer fungiert. Zur Erinnerung: Nur die von mir eingeladenen Kursteilnehmer haben Zugang zu den Daten

Worum geht’s – ganz konkret.

Hier platziere ich am Anfang eines Kurses die folgenden Informationen mit fünf Kapitelüberschriften:

1. Aktuelles – Hier kann jeder Eintragungen machen, die aktuell wichtig sind; ein 7-Tage-Board sozusagen, denn die Bemerkungen werden nach 7 Tagen wieder gelöscht, wenn sie ihre Aktualität verloren haben oder einfach erledigt sind.

2. Die Spezialteams – In den Aufbaukursen 1 und 2 sind hier die Namen der aktuellen Mitglieder der Spezialteams eingetragen, die Teamsprecher und Hauptansprechpartner stehen jeweils am Anfang der Listen: Team Produktionsleitung – Team Dramaturgie – Team Regie – Team Technik – Team Szenografie.

3. Eine Termin- und Uhrzeitenliste aller Unterrichtsstunden, Probentermine und der Werkschau in Tabellenform. Je zwei Kursteilnehmer tragen sich in den ersten 7 Tagen zu jeweils einem Termin als Spielleitungsteam ein, sodass für jeden Termin ein Spielleitungsteam verantwortlich den Unterricht und die Proben anleitet bzw. organisiert. Dies geschieht natürlich später im Prozess bei verstärkter Probenarbeit immer in enger Kooperation mit dem Regieteam und je nachdem auch mit den anderen Spezialteams, wenn es nötig ist. Das Spielleitungsteam schreibt schon während des Unterrichts (wenn Online-Zugriff im Probenraum besteht; siehe Foto) oder als Hausaufgabe eine sehr knappe, stichwortartige Zusammenfassung der Arbeitsergebnisse in die Zeile des Tages. Auf diese Weise können sich alle Schüler, die gefehlt haben, sehr schnell informieren, was erarbeitet wurde, und sich entsprechen darauf einstellen und vorbereiten.

4. Eine Liste aller Namen und Kontaktdaten, sodass alle Kursteilnehmer diese Daten in den ersten Tagen auf ihren Rechner herunterladen können. Diese Daten werden nach maximal 7 Tagen wieder gelöscht. Wer hier auf Nummer Sicher gehen will, der kann auch diese Liste mit den persönlichen Kontaktdaten per Email verschicken oder althergebrachter Weise ausdrucken und kopiert verteilen.

5. Das Stück – Hier notiert das jeweilige Team Dramaturgie kurz Arbeitsergebnisse des Unterrichts, die für die Entstehung des Stückes wichtig sind. Auf welche Inszenierungsidee hat sich das Ensemble geeinigt? Welche möglichen Figuren sind in den Improvisationen im Unterricht entstanden? Auf diese Weise entsteht nach und nach das komplette Regiebuch des Stückes mit Regieanweisungen, Sprechtexten, Subtexten und Hinweisen zur Technik und Szenografie. Das betreuende Dramaturgie-Team kann, es muss hier nicht alles schreiben, sondern diesen Prozess auch nur wesentlich anleiten und betreuen, das heißt z. B. wenn es an die schriftliche Ausarbeitung und Fixierung der Szenen geht, dass die Darsteller der Figuren ihren eigenen Sprechtext, so wie er sich in den Improvisationen und Proben langsam herauskristallisiert, selbst in das Regiebuch eintragen. Sie wissen schließlich am besten, wie ihre Figur zu sprechen hat.

Das Team Produktionsleitung pflegt die Kurs-Website insgesamt zunehmend selbstständig, heißt, diese Schüler schauen, ob alle Verantwortlichkeiten wahrgenommen werden, unterstützen einzelne Teams, die Hilfe benötigen und erarbeiten sich langfristig die Rolle von Supervisoren oder Auditoren. Dies geschieht natürlich zumindest am Anfang des Prozesses immer in enger Abstimmung mit der Kursleitung.

 

Im Verlaufe der Stückerarbeitung bzw. der Stückentstehung werden auch Szenenfotos auf die Website gestellt, so dass visuell dokumentiert ist, wo sich z. B. in welchen Szenen  die Figuren auf der Bühne in welchen Haltungen befinden. Für das Team Szenografie bzw. die Darsteller ist es wichtig, zu jedem Probentermin parat zu haben, wo und wie Kulissen auf der Spielfläche platziert werden. Manche Schüler habe ihre Handys dabei und die jeweiligen Fotos parat; ein sinnvoller Einsatz von Handys mit Kamerafunktion im Unterricht.

Das Team Technik kann auf der Kurs-Website seine Vorschläge für die Lichtgestaltung und die Audioeinspielungen bereitstellen, so dass sich alle Ensemblemitglieder diese vor der jeweils nächsten Probe anschauen und anhören können. Insofern findet ein individuell geführtes Probentagebuch hier auch seine elektronische Erweiterung und Vernetzung, sofern Themen und Stoffe berührt werden, die auch für andere wichtig sein können.

Bewertung – schwierig.

Was funktioniert noch nicht so gut? 

Manchen Schülern, zum Glück recht wenigen, ist die Nutzung selbst einfacher Funktionen wie Email noch nicht vertraut. Einige haben (noch) keinen eigenen Computer. Die meisten Schüler sind anfangs sehr zurückhaltend und unsicher, wie sie die Website nutzen sollen und dürfen. Sie denken ganz im Sinne der Tradition des alten hierarchischen Unterrichtes, dass das eine Werkzeug des Lehrers sei. Es braucht viele Ermunterungen, bis sie gelernt haben, dieses Werkzeug zu ihrem zu machen. Aber nicht nur meine Erfahrungen zeigen,  dass Schüler weit mehr selbstständig arbeiten können, als wir es ihnen als Lehrer zutrauen.

Aus ähnlichem Grund agieren die verantwortlichen Schüler bei der Pflege der gesamten Website anfangs sehr vorsichtig, wenn es darum geht, dass veraltete Informationen von der Website gelöscht werden sollen bzw. alles, was nicht mehr gebraucht wird. Sie sind sich noch lange unsicher in der Beurteilung, wann sie etwas löschen oder umstellen oder ergänzen dürfen. Eine Folge des viele Jahre trainierten Verhaltens im Unterricht, weitgehend nur Lehreranweisungen umzusetzen und Objekt von Prozessen zu sein?

Bewertung – positiv.

Was funktioniert gut?

Die meisten Schüler kommen mit der Einladung schnell auf die Seite. Es gab in meinen Kursen in den fünf Jahren, seit ich die Website nutze, noch keine Störungen oder Streiche auf der Website, geschweige denn Missbrauch. Nach einer gewissen Zeit haben sich die Schüler die Kurswebsite als ihre Kommunikationsplattform weitgehend zu eigen gemacht und benutzen sie entsprechend verantwortungsvoll, so dass Termine langfristig geplant werden können und Änderungen schnell im Kurs kommuniziert sind.

Sehr viel mehr Ideen, die die Schüler im Laufe einer Woche bis zur nächsten Unterrichtsstunde haben, finden ihren Weg auf die Website. Sie kann auch zum Arbeitsfeld werden für Schüler, die auf der Spielfläche als Darsteller eher gehemmt sind und ihre Engagement mehr im Bereich der Dramaturgie finden.

Das Besondere.

Hier greift das Stichwort vom geheimen Lehrplan, aber in emanzipativer Weise: Der Erwerb von Kompetenzen, die nicht ausdrücklich benannt bzw. tiefgehend erläutert werden, aber zu den sogenannten Zukunftsqualifikationen gehören:

1. Projektmanagement

2. Prozesssteuerung

Ich neige dazu, den Schülern mehr und mehr auch diese Dinge bewusster zu machen und mit ihnen darüber zu sprechen und ihnen die Funktion elektronischer Medien in diesem Kontext zu erläutern. Denn diese Kompetenzen sind nun ausgesprochene Realitätskompetenzen, so nenne ich sie mal als Handgelenksformulierung. Und ich meine damit, dass Schüler kein als Kanon vorab definiertes Wissen auswendig lernen, dessen Nutzen sich ihnen (noch) nicht erschließt bzw. dessen Halbwertszeit immer kürzer wird, heißt: immer schneller veraltet und unbrauchbar ist, eigentlich disfunktional.

Diese eher mittelalterlich orientierte Form des Lernens stiehlt den Schülern Zeit, in der sie Sinnvolleres lernen könnten – das anachronistische Lernmodell folgt ja eigentlich immer noch dem mittelalterlichen Bildungsideal, das schon Goethe in seiner Figur des Famulus Wagner lächerlich gemacht hat (Denn, was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.).

Die Schüler sollen echte (Zukunfts-) Kompetenzen erwerben, heißt eine Vorgehensweise und Methodik, die sie befähigt, Strategien für Probleme zu entwickeln und Lösungsansätze und –möglichkeiten zu definieren für Situationen, in die sie mit großer Wahrscheinlichkeit beruflich und privat kommen werden. Darin spielen natürlich die elektronischen Medien eine herausragende Rolle. Diese Kompetenzen werden heute mehr und mehr in beruflichen Bereichen vorausgesetzt bzw. erwartet.

> link zum Herunterladen von „Spiel und Theater. Heft 186, Oktober 2010 Elektronische Medien im  Theaterunterricht“

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