Ein Gespenst geht um …

… und ein Mythos ward geboren.

Kunst ist Unverständlichkeit.

Man erlebt es im Theater, man liest es im Feuilleton.
“Ich habe nichts verstanden.” sagen Theaterbesucher lächelnd.
Kritiker formulieren es zuweilen anders, meinen aber das Gleiche.
Der Regisseur eilfertig: “Genau. Das ist meine Absicht.
Der Theaterbesucher soll sich selber Gedanken machen.”

Aha.
Als ob ich zum Selberdenken einen brauche, der mir mit Unverstandenem und Unverständlichem auf die Sprünge helfen müsste.

Das schmeckt nach Beliebigkeit.
Sieht aus wie Nabelschau.
Langweilig.

Unverständlichkeit – neutheatral: Dekonstruktion – ward ja dereinst zum Dogma erhoben, so der ehemalige Student der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen Moritz Rinke auf die Frage: “Wie steht es mit der Tradition der Kritikgespräche [während des Studiums, Anm. d. Verf.] Waren sie wirklich so gnadenlos, wie man es heute hört?”

“Einerseits ja, aber nur wenn sie dem Mainstream der Distanzierung, der sogenannten Dekonstruktion zu entkommen versuchten. Innerhalb des Systems fand ich uns gar nicht so kritisch. Es ist natürlich viel einfacher, emotional auf etwas zu reagieren, was man versteht, als auf etwas zu reagieren, dass man gar nicht versteht. Ich behaupte, wir haben von den meisten Projekten gar nichts verstanden. Aber wenn sie im System waren, war es gefährlich, inhaltliche Fragen zu stellen. Es war dann so, wie manchmal bei den Kritikern im Feuilleton. Wenn sie gar nichts verstehen, fast einschlafen, sitzen sie am Ende zu Hause und denken: Mein Gott, wahrscheinlich war es Kunst, und schreiben eine Hymne.”

Wir lernten: Wenn etwas unverständlich ist, dann ist es Kunst.

Ach ja …
… neuerdings erzählen die Studenten in Gießen – laut Rinke – wieder Geschichten auf der Bühne. “Durchaus dramatisch. Sogar schauspielerisch talentiert. Das hätte es bei uns damals nicht geben dürfen. Bei uns herrschte die Eiszeit der postdramatischen Auflösung jeglicher Figuren, kategorische Negation des Erzählens oder Dramatisierens. Und nun plötzlich das: Psychologischer Realismus in Gießen! Sogar mit politischen klaren Intentionen. … Offenbar ist das Gespenst der Dekonstruktion nach Hause gegangen.”

So viel Ehrlichkeit verdient Respekt.

Aber ist das Gespenst der Dekonstruktion wirklich schon nach Hause gegangen?

“Ich befürchte, ich habe kaum etwas vom Stück verstanden.” schreibt der kanadische Theaterkritiker J.Kelly Nestruck in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 15.09.2013 auf Seite 56 in seinem Artikel “Berliner Broadway-Wahn”, nachdem er das Stück “Glanz und Elend der Kurtisanen” vom ehemaligen Studenten der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen René Pollesch in der Schaubühne gesehen hatte. Nestruck war ganz froh, als er “erfuhr, dass es einigen deutschen Zuschauern auch so ging.” Aber “Wen kümmern schon Plot und Charaktere, wenn man das Theater mit einem Ohrwurm und wunderschönen Bildern im Kopf verlässt?”

Meint er das jetzt im Ernst? Oder ist das bitterer Sarkasmus?

Bernd Stegmann schreibt in seiner “Kritik des Theaters” (2013) auf Seite 71 dazu: “Die selbstreferenziellen Denkbewegungen und performativen Umdeutungen des Sinnlichen sind schleichend zu einer naiven Selbstbefriedigung entwickelt worden, …”
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Die Zitate Rinkes sind entnommen der Zeitschrift “junge bühne” #7 Spielzeit 2013/14, 7. Jahrgang, herausgegeben vom Deutschen Bühnenverein, Bundesverband der Theater und Orchester,  S. 10 [Die Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler wurden nicht korrigiert. Anm. d. Verf.]

Ein Gedanke zu “Ein Gespenst geht um …

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