Noch´n Sargnagel fürs Gespenst?

Ende ist eine Schöpfungsgeschichte und She She Pop übernehmen darin die vorgegebenen Rollen von Gott, dem Menschen, Eva, den Tieren und den Cherubim. Auf der Bühne, dem Paradies, probieren She She Pop verschiedene Strategien des Beendens. Aufräumen, anhalten, abbrechen, Schnitt, Stille, Schluss. Die himmlischen Heerscharen gestalten dazu einen Abgesang aus Meat Loafs Album ‘Bat Out of Hell‘.“ schreibt She She Pop auf ihrer Website http://www.sheshepop.de am 12.10.2013 um 09:37 Uhr.

„… ziemlich viele frauenfeindliche Witze. Die Klischee-Begriffe, mit Kreide auf eine Wand geschrieben, werden nach und nach durchgestrichen. Die Idee, dass mit der Ordnung der Welt auch eine Geschlechtertrennung entstand, ist ja gendertechnisch ganz interessant. Aber dass sie so platt, didaktisch und unterkomplex daherkommt, ist kaum zu ertragen – vor allem von She She Pop. Die waren vor 15 Jahren mal angetreten, um uns so witzig wie klug unsere Geschlechterbilder zu spiegeln. Ob es ein Zufall ist, dass der Abend ‚Ende‚ heißt?“ schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung vom 11. Oktober 2013 im Feuilleton auf Seite 12.

She She Pop haben auch Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen studiert. Ist das Gespenst der Dekonstruktion doch noch nicht nach Hause gegangen, wie es Moritz Rinke formuliert?

Ich erinnere mich.
Ich habe in Gießen studiert, nicht Angewandte Theaterwissenschaft, sondern Politikwissenschaft, Germanistik und einige Semester Soziologie, Anglistik, Geschichte und Psychologie, und den Start und die Entwicklung des Fachbereichs Angewandte Theaterwissenschaft als Student und später als Theaterlehrer(-Ausbilder) interessiert verfolgt. Habe mir viele Präsentationen angeschaut, auf der vierten Meta-Ebene, wie mir damals schon Kritiker immer wieder mitteilten, also reichlich abgehoben. Alles war neu, spannend, eine Suchbewegung.
Ich war fasziniert, insbesondere von der Studienordnung des Faches, so fasziniert, dass ich das auch noch studieren wollte. Als Lehrer im Schuldienst, seit einem guten dutzend Jahren. Und als Leiter einer Theater-AG und Theater Unterrichtender und Mitbegründer der Weiterbildungsmaßnahme für Theaterlehrer in Hessen.
Einige meiner Theaterschüler hatten sich mittlerweile erfolgreich am Gießener Theaterinstitut beworben. Meine Kontakte dorthin wurden enger. Ich wagte die Anfrage nach einem Zweitstudium am FB Angewandte Theaterwissenschaft. Die damalige Leiterin, obwohl einen Kopf kleiner als ich, sah mich gar nicht, als ich vor ihr stand. Die Nase zu hoch. Ich hörte: „Sie können sich selbstverständlich dem Aufnahmeverfahren stellen.“ … und dann neben meinen Theaterschülern sitzend die Prüfungsfragen beantworten … „Das Studium der Angewandten Theaterwissenschaften ist ein Vollzeitstudium und sie werden in dieser Zeit ihren Beruf nicht ausüben können.“
Ich hatte verstanden. Und ich hatte auch eingesehen: Das passt nicht. Ein Daddy, verheiratet, mit Zwillingen, Haus im Grünen und Katze in bürgerlichen Verhältnissen verkettet, beamteter Lehrer(!) und halb so alte junge Wilde in einer Arbeitsgruppe?
Stoff für eine Komödie.
Mir fallen die Stichwort Dekonstruktion, Subjektivität und Befindlichkeit ein. Ich habe mit einigen Theater-Studentinnen und Theater-Schülern später zusammen Projekte angeregt und begleitet. Tolle Impulse kamen von den Studentinnen der ersten Semester in Gießen damals. Theaterimpulse, die das Publikum erreichten und berührten. Chapeau!
Aber auch Anregungen eines Studenten, der offensichtlich in einer frühkindlichen Phase stecken geblieben war, zu einer Mitstudentin wie folgende: Ich lege mich hin und du stellst dich breitbeinig über mich und urinierst auf mich. Niemand hat dem verwirrten jungen Mann eine Therapie empfohlen, statt „Theater“ zu spielen. Ein extremes Spektrum, das ich dort erlebte.
Ein weiteres irritierendes Beispiel einer jungen Frau mit nicht ausgereiftem frühkindlichen Exhibitionismus, die sich 20 oder mehr Slips anzog. Ihre öffentliche Performance bestand darin, ins rechte Licht gerückt diese nach und nach auszuziehen. Ich habe uns beiden die Peinlichkeit des Endes erspart. Andere blieben.
Ach ja, und ein Student plante als Examens-Performance seinen Herzrhythmus durch extrem laute Musik zu verlangsamen bis zum Stillstand. Allen Ernstes. So hoch war der Druck in Gießen, was Existenzielles und Dekonstruierendes zu machen. Da kann ich Moritz Rinkes Beschreibung, wie dogmatisch damals alles war, bestätigen. Ich hatte große Mühe dem Studenten diese Flausen auszureden. Wir sind heute gute Freunde.

In Stegmanns „Kritik des Theaters“ (2013) lesen wir auf S. 95:
„Die Überbietungsstrategien eines Authentischen, das als Letztbegründung von Kunst seinen dialektischen Schein vergessen muss, sind unendlich.“

Hat die Zurschaustellung von Subjektivität und Befindlichkeit ihren theatralen Reiz verloren?
Hat die Demonstration der Atomisierung der Welt, die Dekonstruktion ihre Stimulans verloren? Wenn sie es denn jemals in relevanter Weise gehabt haben sollte.
Ist das Ende das Ende eines Experiments mit  schon vorher gewusster begrenzter Reichweite?

Begriffs-Wirrwarr

Seit langem sehe ich ein Begriffs-Wirrwarr im Darstellenden Spiel.
Es durchzieht unsere gesamte Arbeit.
Von einfachsten Anweisungen bis hin zur Beschreibung umfassender ästhetischer Kategorien.

Nichtmal die Raumbezeichnungen auf der Bühne haben sich bis zum letzten Theatermacher rumgesprochen. Die Bezeichnungen erfolgen immer aus der Perspektive des Publikums bzw. Regisseurs.

Ein Beispiel für Anweisungen:
Stellt euch in einer Reihe auf, sagt der Theaterlehrer. Rückfrage aus dem Ensemble: Wie denn? Hintereinander oder nebeneinander?

Lösung:
In einer Reihe stehen die Personen immer hintereinander. Wenn sie nebeneinander stehen nennt man das Linie.

Theaterästhetische Mittel sind keine Techniken. Hier wirds schon schwieriger, Gegenstände, Sachverhalte und Handlungen klarer zu unterscheiden. Ich merke zuweilen, pfuscht mir die Alltagssprache ins Handwerk. Dennoch. Will ich mich unmissverständlich beim Theatermachen mit anderen verständigen, benötige ich eine eindeutige Fachsprache. Sonst potenziert sich die Miss- und Unverständlichkeit bei der Betrachtung und Beschreibung komplexerer theatraler Zusammenhänge. Ist vielleicht mit ein Grund, warum Theaterkritiken manchmal so schwer oder gar nicht nachvollziehbar sind.

Ein Mittel ist ein Ding und eine Technik ist eine Anwendung, eine App ;-).

Kompliziert ist auch die Unterscheidung der verschiedenen Spielformen und Spielweisen. Da mischen sich ja auch munter mal die Gattungen und Genres. Je nach Unterscheidungskriterium gehört mal das eine in diese, mal in eine andere Kategorie, mal zu mehreren Klassen gleichzeitig.

Seit geraumer Zeit versuche ich ein bisschen mehr Ordnung in das Durcheinander zu bringen. Immer mit dem Ziel unmissverständlicher – oder realistischer gesagt: weniger missverständlicher – Kommunikation.

In dem „Kursbuch Theaterprojekt“, mit dem gerade die erste Runde Lektoratsarbeit hinter mir liegt, zwei weitere liegen vor mir, versuche ich unsere Fachbegriffe zu schärfen.

Hier schonmal vorab ein kleiner Auszug aus dem „Wörterbuch des Darstellenden Spiels“:

Spielformen Die Spielformen im Theater sind äußerst vielfältig. Sie lassen sich jeweils anders gruppieren – je nach den benutzten theatral-ästhetischen Gestaltungsmöglichkeiten. Grundlegende Unterscheidungsmöglichkeiten ergeben sich z.B. durch die folgenden Festlegungen, wobei auch immer Mischformen und Kombinationen möglich sind und auch manchmal bestimmte Spielformen mit bestimmten Inhalten verbunden sind:
–        Darstellendes Spiel gegenüber performativer Aktion (acting or non-acting)
–       Spiel von (für das Publikum) sichtbaren Menschen/ Tieren gegenüber Spiel ohne sichtbare  Menschen/ Tiere wie im Puppen- oder Objekttheater
–        naturalistisches/ realistisches Spiel gegenüber nicht-naturalistischem/ realistischem Spiel bzw. stilisiertem Spiel
–        Sprechtheater gegenüber Musiktheater
–        verschiedene Gattungen/ Genres wie Tragödie, Komödie, Ballett usw.
Spielweisen Innerhalb der verschiedenen Spielformen gibt es die Möglichkeit, die entsprechende Form auf unterschiedliche Art und Weise auszufüllen. Z.B. können in der Spielform bzw. der Gattung  „Puppentheater“ die Puppen als 20 cm große Marionetten in einer kleinen Guckkastenbühne auftreten oder als 10 Meter große Figuren im Straßentheater. Puppen können von einem Bauchredner (kaum für das Publikum sichtbar) bewegt werden und scheinbar sprechen wie Sascha Grammels „Josi“, die Schildkröte als Geldautomat. Jeff Dunham erweckt „Achmed the dead terrorist“. Oder die Puppe ist Teilkostüm des Puppenspielers, wobei er für das Publikum sichtbar die Puppe bewegt und spricht wie bei Michael Hatzius „Die Echse“.
Und ganz großartig das „War-horse“, eine lebensgroße Pferd-Puppe, die von drei Spieler beseelt und bewegt wird.
Ästhetische Vision Eine ästhetische Vision formuliert eine Art „formlose Ahnung“ (Brook). Die Theatermacher haben eine ungefähre Vorstellung von dem, was am Ende des künstlerischen Prozesses herauskommen soll. Die ästhetische Vision beschreibt eine Art weißen Fleck auf einer Landkarte. Man kennt die Richtung und weiß, wo man zu suchen hat. Man hat Ausstattung und Werkzeuge, um dorthin zu kommen. Man hat eine Idee, wie es dort aussehen könnte. Aber erst wenn man angekommen ist, weiß man, dass es dieses Gebiet gibt und wie es beschaffen ist. Insofern ist jedes künstlerische Projekt auch immer eine Forschungsreise, die manchmal in die Irre oder in Sackgassen führt. Und manchmal ist viel Ambiguitätstoleranz (Ungewissheit aushalten) und Durchhaltevermögen nötig, um eine Durststrecke zu überwinden.
Linie Akteure stehen nebeneinander.
Reihe Akteure stehen hintereinander.
Block Akteure stehen in Linien und Reihen.
Pulk Akteure stehen dicht gedrängt zusammen mit dem Fokus in eine Richtung.

Das Wörterbuch des Darstellenden Spiels umfasst im Moment – erste Lektoratsrunde – ca. 100 Fachbegriffe mit Erläuterungen. Mein Ziel ist es, alle relevanten Begriffe, die Theaterschüler in der Mittelstufe benötigen, um über Theater weitgehend frei von Missverständnissen zu kommunizieren, in diesem Lexikon zu erfassen.

 

Ein Gespenst geht um …

… und ein Mythos ward geboren.

Kunst ist Unverständlichkeit.

Man erlebt es im Theater, man liest es im Feuilleton.
„Ich habe nichts verstanden.“ sagen Theaterbesucher lächelnd.
Kritiker formulieren es zuweilen anders, meinen aber das Gleiche.
Der Regisseur eilfertig: „Genau. Das ist meine Absicht.
Der Theaterbesucher soll sich selber Gedanken machen.“

Aha.
Als ob ich zum Selberdenken einen brauche, der mir mit Unverstandenem und Unverständlichem auf die Sprünge helfen müsste.

Das schmeckt nach Beliebigkeit.
Sieht aus wie Nabelschau.
Langweilig.

Unverständlichkeit – neutheatral: Dekonstruktion – ward ja dereinst zum Dogma erhoben, so der ehemalige Student der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen Moritz Rinke auf die Frage: „Wie steht es mit der Tradition der Kritikgespräche [während des Studiums, Anm. d. Verf.] Waren sie wirklich so gnadenlos, wie man es heute hört?“

„Einerseits ja, aber nur wenn sie dem Mainstream der Distanzierung, der sogenannten Dekonstruktion zu entkommen versuchten. Innerhalb des Systems fand ich uns gar nicht so kritisch. Es ist natürlich viel einfacher, emotional auf etwas zu reagieren, was man versteht, als auf etwas zu reagieren, dass man gar nicht versteht. Ich behaupte, wir haben von den meisten Projekten gar nichts verstanden. Aber wenn sie im System waren, war es gefährlich, inhaltliche Fragen zu stellen. Es war dann so, wie manchmal bei den Kritikern im Feuilleton. Wenn sie gar nichts verstehen, fast einschlafen, sitzen sie am Ende zu Hause und denken: Mein Gott, wahrscheinlich war es Kunst, und schreiben eine Hymne.“

Wir lernten: Wenn etwas unverständlich ist, dann ist es Kunst.

Ach ja …
… neuerdings erzählen die Studenten in Gießen – laut Rinke – wieder Geschichten auf der Bühne. „Durchaus dramatisch. Sogar schauspielerisch talentiert. Das hätte es bei uns damals nicht geben dürfen. Bei uns herrschte die Eiszeit der postdramatischen Auflösung jeglicher Figuren, kategorische Negation des Erzählens oder Dramatisierens. Und nun plötzlich das: Psychologischer Realismus in Gießen! Sogar mit politischen klaren Intentionen. … Offenbar ist das Gespenst der Dekonstruktion nach Hause gegangen.“

So viel Ehrlichkeit verdient Respekt.

Aber ist das Gespenst der Dekonstruktion wirklich schon nach Hause gegangen?

„Ich befürchte, ich habe kaum etwas vom Stück verstanden.“ schreibt der kanadische Theaterkritiker J.Kelly Nestruck in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 15.09.2013 auf Seite 56 in seinem Artikel „Berliner Broadway-Wahn“, nachdem er das Stück „Glanz und Elend der Kurtisanen“ vom ehemaligen Studenten der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen René Pollesch in der Schaubühne gesehen hatte. Nestruck war ganz froh, als er „erfuhr, dass es einigen deutschen Zuschauern auch so ging.“ Aber „Wen kümmern schon Plot und Charaktere, wenn man das Theater mit einem Ohrwurm und wunderschönen Bildern im Kopf verlässt?“

Meint er das jetzt im Ernst? Oder ist das bitterer Sarkasmus?

Bernd Stegmann schreibt in seiner „Kritik des Theaters“ (2013) auf Seite 71 dazu: „Die selbstreferenziellen Denkbewegungen und performativen Umdeutungen des Sinnlichen sind schleichend zu einer naiven Selbstbefriedigung entwickelt worden, …“
———————-

Die Zitate Rinkes sind entnommen der Zeitschrift „junge bühne“ #7 Spielzeit 2013/14, 7. Jahrgang, herausgegeben vom Deutschen Bühnenverein, Bundesverband der Theater und Orchester,  S. 10 [Die Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler wurden nicht korrigiert. Anm. d. Verf.]

Schultheater vor neuem Zeitalter

Schultheater in Deutschland unterliegt demografischen Wandel.

Eine Generation tritt langsam ab, und zwar die Leute, die mit großer Leidenschaft zumeist als Autodidakten, inspiriert vom Profi-Theater, wo sie sich auch teilweise als Regisseure und Dramaturgen qualifiziert haben oder einfach nur als Lehrer, die ihr Herz für das Theaterspielen mit Kindern und Jugendlichen entdeckten und diese inspirierten, sich gemeinsam auf dieses herrliche Kulturexperiment einzulassen.

Sie spürten alle, dass hier großes Bildungspotenzial liegt. Na ja, und ein bisschen Eitelkeit und Machtlust war auch dabei, hier den Regisseur spielen zu dürfen.

Was lag nun näher, als die Frage zu stellen, warum es nur Kunst und Musik als Unterrichtsfach in deutschen Schulen gibt und nicht Theater. Und sie halfen selbst mit, eine angemessene Antwort zu finden: Sie schrieben Curricula und kreierten Theaterlehrer-Fort- und Weiterbildungen, schrieben Schulbücher und vieles mehr.

Sie treten jetzt langsam ab, die über 60-Jährigen.

Es kommt eine nächste Generation, die bis 40-Jährigen.

Sie finden vor:

 Wie soll diese Entwicklung weitergehen?

Was braucht es, damit Schultheater als Unterrichtsfach und offenes Bildungsangebot in AGs keine vorübergehende Erscheinung wird?

  • Qualifizierte grundständige Theaterlehrer-Ausbildung an Unis für alle Schulformen und Schulstufen. Es gibt nur eine Uni in Deutschland, die dieses Angebot macht.
    Das sollten mehr werden.
  • Politischer Einsatz von Schülern, Eltern und Lehrern. An einigen Schulen sehr schön, aber von wenigen Personen getragen und forciert.
    Das sollten mehr werden.
  • Austausch und Solidarität unter Theaterschaffenden zwischen Theaterpädagogen,  Theaterlehrern, Theater-Profis, Funktionären usw.
    Das sollte mehr werden.
  • Zusammenführung von Verbänden mit ähnlichen Interessen.
    Es gibt ein paar ganz tolle Leute, die mit viel Sachverstand und Einfühlungsvermögen positive Akzente setzen. Das sollten mehr werden.
  • Neue Konzepte von manchem in der dritten Generation.
    Das sollten auch mehr werden.

 Was kann ich tun?

Ich will meine Website weiter nutzen, um hilfreiche Angebote zu publizieren und Austausch anzuregen.

Ich will weiter Tipps und Hilfen für Theaterunterricht geben und Unterrichtsmaterial erarbeiten und bereitstellen.

Ich arbeite an einem langfristigen Forschungsprojekt, das untersucht, auf welche Weise Theaterunterricht mit Hilfe des Bildungskonzepts des selbstgesteuerten kompetenzorientierten Lernens die Persönlichkeitsreifung signifikant fördert.

 

 

Impro-Show 2013

Das Publikum hat meist kreative Vorschläge, womit ein Spieler bei der Disziplin „Kettengeschichte“ sterben muss, wenn er gepatzt hat: Stirb an einem Regenwurm!
Eine Stunde dynamische Unterhaltung lieferte der 13er Kurs Impro-Theater am 03.05.2013 im Theaterstudio der Weidigschule ab.

 

 

 

Disziplin „Foto-Präsentation“

 

 

 

 

Disziplin „Rednerin mit fremden Armen“

 

 

 

 

Disziplin Basler Masken

Und das schreibt die Butzbacher Zeitung dazu.

 

 

Der Theaterlehrer, das unbekannte Wesen

… so lautet der Titel des Beitrags im Heft 191 von SPIEL & THEATER April 2013, S. 2-7.

Maximilian Weig und ich tauschen uns in einem Mail-Dialog über die Rolle des Theaterlehrers im Theaterunterricht aus und suchen nach einer Antwort auf die Frage, für welche Art von Öffentlichkeit Theaterkurse am Ende ihres Projektes präsentieren.

Nicht alle Fragen konnten wir klären.

So frage ich mich u.a. …

… wenn Max am Ende eines Theaterprojektes Regie führt – oder genauer gesagt: die Rolle des Regisseurs spielt – und mit seiner Regiearbeit das Stück – wie er selbst sagt – erst aufführungsreif wird, und klar ist, das die Aufführung wesentlicher Bestandteil eines Theaterprojekt ist, wie will er die Leistung der Schüler für diese wichtige Lern-Phase bewerten? Wäre das nicht das Gleiche, als ob beispielsweise der Kunstlehrer an das Bild oder die Skulptur eines Schülers letzte Hand anlegt, um es – nach seinen Vorstellungen von Kunst – zu vollenden und reif für eine Ausstellung zu machen?

… können Schüler lernen, Verantwortung zu übernehmen, wenn der Lehrer ihnen diese in einer entscheidenden Phase der Arbeit wieder wegnimmt und an sich reißt, weil er glaubt, dass nur er die Deutungshoheit über die Kunstform Theater habe?

… wenn er am Ende Regie führt, hat er dann das gesamte Projekt über  (bewusst?) vergessen, den Schülern einen Lernraum zu schaffen, in dem sie auch Dramaturgie und Regie erlernen können, und zwar in gleicher Weise wie er von ihnen ganz selbstverständlich verlangt als Schauspieler auf der Bühne zu stehen?

… ist nicht am Ende das aus der professionellen Theaterkunst entliehene Dogma, dass nur die „Inszenierung“ die wahre Theaterkunst hervorbringe, ungeeignet, um es unkritisch in einen schulischen Kontext zu übertragen?

… taugt überhaupt das professionelle Theater als Modell für Theaterunterricht, und besteht da nicht die Gefahr, dass alle lediglich „Profi-Theater spielen“ und pädagogische Implikationen dabei auf der Strecke bleiben?

Es gibt noch Gesprächsbedarf.

Den kompletten Mail-Dialog gibt’s auch hier.
Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Seiten im Heft 191 „Spiel & Theater“ April 2013:

S. 2,    S. 3,    S. 4,    S. 5,    S. 6,    S. 7

Interaktive Großgruppen – neu aufgelegt

Seit den 1990er Jahren arbeite ich an Konzepten,
wie man die Interaktion in großen Gruppen lustvoll gestalten,
die Teilnehmer mit inspirierenden Impulsen in Kontakt bringen,
den Austausch nachhaltig anregen
und so die Arbeit effektivieren kann.

Es gibt viele Parallelen zu Theaterunterricht, wie ich ihn in meinen Kursbüchern anrege.



Dittrich-Brauner, K./ Dittmann, E./  List, V./ Windisch, C.: Interaktive Großgruppen.
Heidelberg 2008 (1. Auflage), Springer Medizin Verlag
2., überarb. Aufl. 2013, 290 S. 54 Abb.

 

„Erst der Mensch und dann die Kunst, …

… so verteil ich meine Gunst.“ ist zu meinem Theatermotto geworden, sagt Eckard Lück im neuen FUNDUS, Zeitschrift des Landesverbandes Schultheater in Hessen e.V. Heft 1/2013 auf Seite 9.

Und weiter: Der Prozess bis dahin hat lange gedauert und war oft zweifelbehaftet. Viele Diskussionen mit QM-Teilnehmern (Lehrer in der Ausbildung zum Theaterlehrer) und viele Theaterstücke speziell der Mittelstufengruppen haben mir deutlich gemacht, dass man sich irgendwann entscheiden muss.

Meine Entscheidung für den Menschen an erster Stelle bringt mir regelmäßig Kritiken wie „nicht richtig auskomponiert, mehr Verdichtung möglich, Präzisionsmängel etc“ ein. Damit muss man umgehen lernen.

Wenn eine Schülerin der AG in Klasse 10 sagt: „Letztes Jahr saß ich noch im Zuschauerraum und habe mich gefragt, wie die so souverän spielen können. Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass ich das auch kann. Ich bin total glücklich, dass ich mich getraut habe und mitgemacht habe. Es war gar nicht unangenehm, es war im Gegenteil ein sehr schönes Gefühl mal im Mittelpunkt zu stehen“, was ist dann mehr Wert, das kunstfertige von Kritikern gelobte Stück oder der glückliche Spieler?
Ich habe mich entschieden.

Um nicht falsch verstanden zu werden; natürlich sehe ich meine Aufgabe als Spielbegleiter immer auch unter künstlerisch ästhetischen Aspekten, aber speziell in der Mittelstufe immer nur mit und nie gegen die Schüler.

Meine Erfahrung sagt mir, QM-Teilnehmer entscheidet euch – beides (Mensch und Kunst in Perfektion) gelingt nur wenigen und in ganz seltenen Momenten – und lasst spielen!!!

Soweit Eckhard Lück.

FLUX mal ´n paar erste Eindrücke

Die freie Theaterszene liefert gutes Theater. Davon habe ich mich seit den frühen 90ern immer wieder überzeugen können. Da wird kreativ aus dem Fundus der theatralen Mittel, Techniken und Methoden geschöpft und gekonnt damit theatrale Ästhetik hergestellt, die den Zuschauer sinnlich berührt. Ein wertvolles Stück Kultur und kulturelle Bildung.

„FLUX möchte Schulen und Theater, Künstler und Lehrer miteinander ins Gespräch bringen.“ (FLUX-Folder der Tagung vom 18.04.2013)

Das ist sinnvoll, weil kulturelle Bildung wesentlicher Bestandteil von Bildung überhaupt ist.

Ich war zum ersten Mal bei FLUX … und da stellten sich mir doch einige Fragen.
Wenn ein Austausch zwischen Lehrern und Künstlern angestrebt wird, warum war nur ein sehr geringer Teil der Gäste Lehrer. Auf der Teilnehmerliste standen 16 Lehrer 73 Freien und anderen gegenüber; tatsächlich waren es etwa 7 versus 50.

Ich hatte das Gefühl auf einer Messe für freie Anbieter zu sein. Ich kenne das seit ca. 20 Jahren aus der Unternehmensberaterszene. Man ist meist unter sich. Kunden sind rar. Dann funktioniert das Konzept nicht. So wird das oben formulierte Ziel leider nicht erreicht.
Schade.

Gehen wir mal davon aus, dass ungefähr gleich viele von beiden Gruppen da gewesen wären, dann stellt sich mir die Frage, wo die Impulse zur Kontaktaufnahme, zum Kennenlernen, zum Austauschen und zum Auswerten waren. Außer einem geplanten Tischgespräch am Vormittag gab es nichts, und das fiel auch noch aus, weil nicht pünktlich gestartet wurde. Warum eigentlich?
Schade.

Es gibt Bücher, die ausführlich beschreiben, wie man Teilnehmer großer Gruppen spielerisch(!) in Kontakt bringt und zum Austausch animiert, mit vielen erprobten Anregungen und Beispielen, z.B. das Buch Interaktive Großruppen. Warum nutzt man diese langjährigen Erfahrungen nicht?
Schade.

Warum erlebe ich sehr häufig, dass Kunstmenschen nicht ihre Medien beherrschen? Da wird erst noch der Film auf dem Rechner gesucht, dann ruckeln die Bilder, dann ist mal der Ton nicht da … Wann greift hier die „Selbstermächtigung“? 😉

Mal schauen, wie es nächstes Jahr läuft.
Bin gespannt.

 

Zeitschrift SCHULTHEATER korrigiert Artikel mit brandgefährlichen Tipps

An exponierter Stelle (Umschlagseite 2) hat sich die Zeitschrift SCHULTHEATER im aktuellen Heft 12 für die „heißen“ Tipps entschuldigt, die sie im Heft Nr 11 im Artikel „Theaterbeleuchtung mit kleinen Mitteln“ von Neil Greig gegeben hatte.

In meinem Blogbeitrag vom 28.12.2012 hatte ich ausführlich über die lebensgefährlichen Basteltipps Neil Greigs zur Manipulation von Lampen und Leuchten berichtet.

Schön, dass die Zeitschrift SCHULTHEATER meine Kritik aufgenommen hat.

Es gilt:

  • Keine Basteleien an Lampen und Leuchten.
  • Nur Einsatz von geprüften Leuchten aus dem Fachhandel.
  • Nur Beratung durch wirklich fachkundiges Personal.

 

Theaterpädagogen und Theaterlehrer – Arbeitsfelder/ Schnittmengen/ Honorare

Die Arbeits-Felder der Theaterpädagogen stellen sich mir als sehr heterogen dar.

In der Landschaft gibts die urbanen Zentren mit ihren theatralen Leuchtturmproduktionen an Stadt-, Staats- und Landestheatern. Hier arbeiten angestellte Theaterpädagogen (zumeist mit Zeitverträgen) primär als Kunstvermittler mit unterschiedlichen Auftragsschwerpunkten. Natürlich nutzen die Theater die Kompetenzen von Theaterpädagogen als Marketinginstrument zur Besucherwerbung und langfristigen Besucher-Nachwuchs-Förderung bei Kindern.

Theaterpädagogik als Theaterkunstvermittlung mit wirtschaftlichem Interesse.

Zielgebiet: Bildungsbürger und Schulen.

Direkt daneben und in der Fläche – im harten Kontrast – bemühen sich Theaterpädagogen in meist sozialen Brennpunkten und auch in ländlichen Gebieten darum, ein Bildungsangebot in unterschiedlichen Kontexten zu machen, in Jugendzentren, Arbeitslosenunterstützungsmaßnahmen, Gewaltpräventionsprojekten und vielen verschiedenen Initiativen. Herausragende Beispiele für die Arbeit in sozialen Brennpunkten zeigen Maike Plath > http://www.maikeplath.de und ACT e.V. > https://act-berlin.de/umsetzung/theatrales-mischpult/

Theaterpädagogik als Sozialarbeit.

Zielgebiet: gesellschaftliche Brennpunkte.

Zwischen diesen beiden Extrempunkten spielt sich das Leben von Theaterpädagogen ab.

Ganz anders das Leben eines Theaterlehrers. Er ist primär dem Bildungssystem Schule verpflichtet und der Umsetzung und Einhaltung von Bildungsplänen, Lehrplänen, Benotungsregeln, Lernzielen. Er hat theatrale Lernprozesse zu initiieren und Kompetenzerwerb bei seinen Schülern anzuregen, und zwar in allen Bereichen des Lernfeldes Theater. Er hat mit dem Unterrichtsfach Theater Einfluss auf den allgemeinen Bildungsgang seiner Schutzbefohlenen. Er verteilt – wenn auch nur in kleinem Maße im Rahmen eines Wahlpflicht- oder Nebenfachs – Berufs- und Lebenschancen.

Theaterunterricht ist schulische Bildungsarbeit.

Zielgebiet: Schulen.

Grundsätzlich scheinen nach dieser ersten Bestandsaufnahme die Arbeitsfelder von Theaterpädagogen und Theaterlehrern nicht so weit auseinander zu liegen.

Es geht irgendwie im Kern darum Menschen – zumeist jüngere – und die kulturelle Ausdrucksform Theater zusammen zu bringen. Sei es primär als Rezeption professioneller Theaterformen, als Ausdrucksform biografischer Befindlichkeiten und Wahrnehmung gesellschaftlicher Prozesse oder als methodisches Instrument zur Einflussnahme, Intervention und Gestaltung destruktiver oder unsozialer Lebensverhältnisse.

Es gibt viele Schnittmengen und Berührungspunkte.

Beide Arbeitsfelder – die von Theaterpädagogen und Theaterlehrern – sind in Bewegung.

Der erst seit wenigen Jahren ins Leben getretene Beruf des Theaterlehrers an allgemeinbildenden Schulen – nicht zu verwechseln mit dem Theaterlehrer als Schauspiellehrer, der professionelle Schauspieler ausbildet – wirft gleichzeitig die Frage der richtigen Bezeichnung auf. Sind nicht Theaterlehrer auch Pädagogen? Wie ist das mit der Ausbildung? Wir kennen die Probleme, die das reine fachwissenschaftliche Studium für Lehrer im gymnasialen Bildungsgang aufwirft. Fachidioten, die keine Ahnung davon haben, wie man Bildungsprozesse bei jungen Menschen in Gang setzt und diese erfolgreich begleitet. Zumindest stand das nicht auf meiner Studienagenda. Neuerdings gibts da ein wenig Bewegung in der Lehrerausbildung.

Das Unterrichtsfach Theater/ Darstellendes Spiel hatte das Glück, da es hauptsächlich als Weiterbildungsangebot in die Welt kam, sich selbst zu erschaffen und hat folgerichtig versucht, mehr Nähe zum zukünftigen Arbeitsfeld Schule herzustellen und diese Anforderungen im Auge zu behalten.

Diese veränderte theaterpädagogische Bildungslandschaft treibt kuriose Blüten. Die Schulen erleben das Unterrichtsfach Theater/ Darstellendes Spiel vielfach als von Schülern und Eltern stark nachgefragtes Bildungsangebot. Die Ausbildungskapazitäten für Theaterlehrer sind sehr begrenzt. Nur der Uni-Verbund Hildesheim/ Hannover/ Braunschweig bietet in Deutschland einen grundständigen Lehramtsstudiengang Theater an. Alle andere Qualifikationsmöglichkeiten an Unis bzw. in den Lehrerfortbildungsinstituten der Länder sind ausgebildeten Lehrern vorbehalten als Erweiterungsstudiengänge mit einer gleichwertigen Fakultas wie die universitäre Ausbildung.

Auf der einen Seite haben wir also einen großen Bedarf an Theaterlehrern in Schulen und auf der anderen Seite eine große Anzahl Arbeit suchender Theaterpädagogen.

Was liegt näher als hier eine Vermittlung zu versuchen?

Die erste Frage, die sich stellt, ist die nach der erforderlichen Qualifikation und Ausbildung.

Es gibt Stimmen in den Theaterlehrerverbänden, die es strikt ablehnen, dass Theaterpädagogen in Schulen als Theaterlehrer arbeiten. Warum? Es wird die fehlende Qualifikation angemahnt.

Ich gehöre nicht zu dieser Fraktion und sehe außerdem, dass die Entwicklung diese Sturköpfigkeit bereits vielerorts überrollt hat. Schulen stellen bereits Theaterpädagogen im Rahmen ihrer zunehmenden Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit ein. Manko: Übergeordnete Schulbehörden erlauben zuweilen nicht die Abiturabnahme im Fach Theater durch Theaterpädagogen, sondern bestehen darauf, dass hier ausgebildete Theaterlehrer eingesetzt werden. Fakt ist: Ein Schulleiter kann das grundsätzlich alleine entscheiden. Wermutstropfen: die vorgesetzte Dienststelle kann ihm einen Strich durch die Rechnung machen. Hintergrund: Angst vor Elternklagen.

Was ist zu tun, um diese Situation – hier Arbeitskräftemangel, dort Arbeitsuchende – zu allseitigem Nutzen zu klären?

Da zumindest mittelfristig, also in den nächsten 5 – 10 Jahren nicht mit einer massiven Zunahme an grundständigen Lehramts-Studiengängen Theater zu rechnen ist – die Unis kreisen da mehr um sich selbst und nähren die wahre Legende vom Elfenbeinturm – sollten Theaterpädagogen sich qualifizieren, was die theaterlehrerspezifischen Kompetenzen betrifft. Dies ist mit Hilfe der zahlreichen Fortbildungsangebote der Verbände vielerorts möglich.

Mit diesen Zertifikaten können sie sich direkt an Schulen bewerben, die Bedarf haben.

Bittere Pille: Die Bezahlung

In Hessen beispielsweise macht die einstellende Schulbehörde, das staatliche Schulamt, Verträge mit nicht ausgebildeten Lehrern in der Tarifgruppe E6. Das sind in der Stufe 1 2.022 € bei 27 Wochenstunden plus Alterszuschlägen.

Für sog. Aushilfen zahlen die Hessen pro Unterrichtsstunde 15 € ohne Abschluss, 20 € mit irgend einem Abschluss und 25 € mit Lehramtsexamen.

In anderen Bundesländern sieht es anders aus. Auf dem freien Markt sowieso. Hier schwanken die Honorare zwischen 30 und 70 € pro Stunde. Teilweise werden unverschämt niedrige Angebote gemacht oder sogar kostenlose Arbeit erwartet. Dem sollte man sich nicht aussetzen und selbstbewusst auf der Basis der eigenen Ausbildung und Berufserfahrung ein angemessenes Honorar verhandeln.

Laut Auskunft des Deutschen Bühnenvereins vom März 2013 beträgt die Mindestgage für Theaterpädagogen mit Vollzeitstelle gemäß Tarifvertrag 1.650 € im Monat. Diese Mindestgage ist verhandelbar, sodass in Theatern der Öffentlichen Hand auch 1.700 – 1.800 € gezahlt werden. Die Lage bei den privaten Theatern weicht vermutlich davon ab.

Der Deutsche Bühnenverein führt keine Statistik. Langjährige Erfahrungswerte zeigen, dass Theaterpädagogen mit mehrjähriger Berufserfahrung durchaus auf 2.000 – 2.500 € kommen können; mit mehr als 10-jähriger Berufserfahrung sind auch 3.000 € drin.

Darüber hinaus informiert der Deutsche Bühnenverein auch recht gut über das Arbeitsfeld und die Tätigkeiten eines Theaterpädagogen.

Der Trost

Die weiter zunehmende Eigenständigkeit, die Öffnung von Schulen für Externe/ Fachunterrichtsferne/ Seiteneinsteiger lässt meiner Einschätzung nach die Chancen für Theaterpädagogen mittel- und langfristig wachsen, in Schulen Arbeit zu finden.

Der Beamtenstatus steht mehr und mehr auf dem Prüfstand, wird teilweise durch Angestelltenverträge für Lehrer bereits ausgehöhlt.

Politische Doktrinen und angstbesetzte Dienstbehörden können relativ schnell der Vergangenheit angehören. Ich habe bereits an Schulen gearbeitet, dort haben Dipl.- Mathematiker Matheunterricht und Unternehmer PoWi erteilt und Sportler ohne akademische Ausbildung nur mit einem Trainerschein B das Sportabitur abgenommen und Studenten der Theaterwissenschaften und Schauspieler haben in der Oberstufe Theaterunterricht erteilt. In allen Fällen hat die Schulleitung die Qualifikationen der Unterrichtenden für ausreichend erachtet und die Genehmigung erteilt. Die vorgesetzte Dienstbehörde hatte nichts dagegen.

Wie lösen wir das Problem?

Lieber weiter bei den Behörden mehr Theaterlehrer für die Schulen fordern? Und weiter warten auf politisch uns wohlgesonnene Machthaber, die unsere Forderungen erfüllen? Und weiter auf Unis warten, ob sie vielleicht doch irgendwann einmal eine angemessene Zahl von Lehramtsstudiengängen für Theaterlehrer einrichten? Mit der Folge, dass eben viel zu wenig Theaterunterricht erteilt wird.

Oder aktuell Arbeit suchende Theaterpädagogen mit entsprechenden Theaterlehrerkompetenzen qualifizieren und das Übel der „schlecht bezahlten Konkurrenz“ für Theaterlehrer im eigenen Hause aushalten? Mit der Folge, dass mehr Theaterunterricht an Schulen erteilt wird.

Wer hat Lösungsvorschläge?

Denklücke – Wer hilft, sie zu füllen?

Setzt man etwas Neues in die Welt, dann merkt man erst nach einer gewissen Zeit, ob es sich bewährt, ob die Denkrichtung stimmt und was noch fehlt.
Theater als reguläres Unterrichtsfach ist etwas recht Neues in unserer langen Bildungsgeschichte und wir blicken nun aber schon auf immerhin zwei Jahrzehnte Erfahrungen zurück.
In den letzten Jahren tat sich in unserem Prozess der Einführung des Faches immer sichtbarer eine noch zu füllende besondere Lücke auf. Mir ist sie deswegen erst so spät aufgefallen, weil ich sie für mich gar nicht wahrgenommen habe – déformation professionelle oder Betriebsblindheit – dass sich der Lehrer zum Coach entwickeln muss.

Besonders deutlich wurde diese Denklücke in der etwas ketzerischen Frage des Gynäkologen in Beckmanns Talk-Runde an Gerald Hüther, was denn die Lehrer machten, während sich die Schüler im Büro des Lehrers selbst Mathe beibringen, ob die dann alle in der Kantine säßen.

Der Normalbürger, wie unser Gynäkologe, der Schule, vermutlich aus eigener Erfahrung, nur als Frontalunterricht kennt, kann sich wohl nur schwer eine LERNsituation, eine anregende Lernumgebung vorstellen, er kennt scheinbar nur eine LEHRsituation. Analog zu Lehrplänen und Lehrbüchern. Die klassische autoritäre Subjekt-Objekt-Beziehung eben. Nun wissen wir aber seit langem, dass diese Lehrsituation eher etwas mit Machtanspruch und Herrschaft zu tun hat, weniger mit Bildung und Emanzipation. Entweder steht der Lehrer vorne und sagt, wo es lang geht, oder er ist nicht anwesend, eben in der Gynäkologenkantine.

Und genau da klafft die Lücke.
Was macht ein guter Lehrer, wenn er selbstgesteuertes Lernen bei seinen Schülern anregen, begleiten und langfristig in Gang setzen und halten will, damit er sich am Ende eines langen Lernprozesses überflüssig gemacht hat, seine Schüler ausbildungsfähig sind oder die Hochschulreife erlangt haben und ihrem Alter gemäß das höchstmögliche Maß an Reife, Selbstständigkeit und Mündigkeit erlangt haben?

Die Antwort lautet: coachen.
Oder fördernd begleiten oder zielgerichtet trainieren oder individuell beraten. Egal wie man diese Tätigkeit nun bezeichnen mag – ich nenne sie mal coachen, weil ich da die meiste Erfahrung habe und der Begriff international bekannt ist.
Ziel dieser Tätigkeit des Coachens ist, den Coachee, in unserem Fall den Schüler dabei zu unterstützen, herauszufinden, was er selbst will, wie er sich einschätzt und was er tatsächlich kann und wie und wie weit er sein Potenzial entfalten und entwickeln will.
Die Verantwortung liegt von Anfang an beim Coachee, nicht beim Coach.
Das wirkungsvollste Werkzeug des Coachs beim Coachen ist die Frage, und zwar die Frage nach dieser Verantwortlichkeit des Schülers in seinem Lernprozess. Nicht zu verwechseln mit dem Abfragen von zuvor fremdbestimmtem Bulimiewissen.

In dieser Arbeitsweise liegt auch ein kleines Geheimnis, das heißt „Zuwendung“.
Als Sozialwesen sind wir Menschen existenziell auf Kontakt angewiesen. Wir brauchen zwischenmenschliche Beziehung so nötig wie Nahrung und Schlaf. Zwischenmenschliche Beziehung definiert sich wesentlich durch Wahrnehmung, Anerkennung, Interesse und Respekt; eben Zuwendung; und zwar glaubwürdige. Diese setzt Vertrauen voraus.
Wir sehen also: Es ist eine enorme Herausforderung für einen Lehrer, ein guter Coach zu sein. Lehrerausbildung ist noch weit davon entfernt.

Ich hatte das Glück in den 1990er Jahren das Coachen kennen zu lernen und entsprechende Kompetenzen erwerben zu können, sodass ich zahlreichen Nachwuchsführungskräften und auch gestandenen Managern helfen konnte, ihr Potenzial zu entdecken und zu entwickeln.

Die Nähe dieser Arbeit mit meiner Arbeit als Lehrer fiel mir schnell auf und ich begann bestimmte Fragetechniken auf meine Arbeit in der Schule zu übertragen.
Dabei wurde mir deutlich, in welcher Unmündigkeit ich meine Schüler immer gehalten hatte und ich mich immer wieder selbst in diese typische Lehrerfalle begeben hatte: Der Lehrer steuert den Prozess, der Lehrer hat immer einen Wissensvorsprung, der Lehrer weiß alles und er ist für alles verantwortlich. Das ist jetzt sehr verkürzt beschrieben, aber der erfahrene Lehrer weiß ganz sicher, wovon ich spreche.

Da lag der Hase im Pfeffer: Immer machten mich logischerweise meine Schüler verantwortlich für ihr Tun und ich stand unter Rechtfertigungsdruck. –

Da ich spüre, wie mich dieses Thema bewegt, habe ich beschlossen, hierzu eine kleine Abhandlung zu schreiben, in der ich die synergetischen Prozesse zwischen meinem Coaching im Business und meinem Verhalten als Lehrer darstelle.

Diese ist in Arbeit und soll auch zeigen, in welcher Weise ich mich im Unterricht entlasten konnte und gleichzeitig die Schüler ihre Lernerfolge verbesserten, weil ich viel mehr Zeit hatte mich ihnen individuell zuzuwenden und sie aus einem Coaching schnell eine eigene und selbst zu verantwortende Lernagenda, ein Trainingsprogramm usw. entwickeln und auch umsetzen konnten.

Beckmanns Un-Talk – kulturelle Bildung bleibt auf der Strecke

Bezug:
Beckmann – – Do, 04.04.13 | 22:45

Beckmann moderiert an Bildung vorbei und stößt trotz gut besetzter Talkrunde nicht zum Kernproblem Kultur vor.

Und sein Beck-Office hatte ihm doch wirklich interessante Leute ins Studio gesetzt. Vom klugen und eloquenten Abiturienten, der seine Musikleidenschaft und seinen Sport aufgibt bzw zurücksteckt, um in G8 zu pauken für eine spätere Juristenkarriere und er vermisse zur Menschwerdung wichtige Dinge in seiner Schule (vielleicht auch Theater?) einem Gynäkologen, der es sich leisten kann, aus dem öffentlichen (schlechten) Bildungssystem zu flüchten und seine Kinder für 2000€ im Monat auf eine (gute) Privatschule (mit auch vielen künstlerischen Angeboten) zu stecken, einer leidenschaftlichen Hauptschullehrerin, die klar die „kulturellen Probleme“ ihrer vielen Migrantenkinder beschreibt, einem Selfmademan, der sich durch viele Schulformen gegen zu frühen und falschen Rat seiner Lehrer am Ende doch gegen eine Kasten-Denken-Kultur durchgeboxt hat und sein Wunschberufsziel erreicht bis zu einem bekannten und anerkannten Wissenschaftler, der sehr genau auf den Punkt bringt, wann Bildung gelingt und dies mit umfangreichen Studien und Praxisbeispielen belegt. Ach ja, und da saß noch eine etwas zu aufdringlich-geschwätzige, dem Wissenschaftler mehrfach mit ausgedachten – sie hatte wohl dem Professor nicht zugehört – Behauptungen ins Wort fallende Journalistin(?).
Beckman hat sich – wie immer – viel Redezeit gegönnt, statt seine High-Potentials gezielter auf das Thema kulturelle Bildung – eigentlich eine Tautologie- zu fokussieren.
Die mehrfach angeschnittene Frage, was denn am Ende eine gelungene Bildung hervorbringe, nämlich kompetente, selbstständige, glückliche Menschen, hatten ihm seine Zuarbeiter wohl auf die Moderationskarten geschrieben, er schafft es aber nicht zu begreifen, dass es hier um Kultur geht, um kulturelle Bildung.
Seine Gäste, insbesondere Prof. Gerald Hüther, hätten ihm und seinen Zuschauern das sicherlich noch sehr viel plausibler beschreiben können.
Dass der Gynäkologe den Beleg nicht lieferte, dass sein Privatschulmodell eine Lösung für die brennendste aller gesellschaftlichen Frage ist und dass seine dumme rhetorische Frage an Herrn Hüther, ob seine Lehrer sich in Zukunft in der Kantine aufhielten, da sich die Schüler nach Hüthers Konzept angeblich ALLES selbst beibringen sollten (so ähnlich dümmlich argumentiert auch der Herausgeber der Zeitschrift Pädagogik in einem Artikel, in dem er selbstgesteuertes Lernen verspottet).
Dass der Selfmademan und die Hauptschullehrerin zeigten, wo noch ein fetter Hase im Pfeffer liegt, den unser Merkel bei Amtsantritt zwar in ihrem politischen Kochbuch auf Seite Eins hatte, aber nie ernsthaft zubereitete.
Dass die Journalistin besser Herrn Hüther zugehört hätte, statt zu reden, und („vertiefendes“) Wissen und Selbstkompetenz keine Gegensätze sind, sondern sehr viel miteinander zu tun haben, insofern der selbsttätige Mensch neugierig ist und bei Beachtung und Anerkennung seiner selbst Eigenmotivation entwickelt und dies wiederum zu Leistungswillen führt.
Ach, man hätte eine schöne Sendung daraus machen können.
Schade.
Hier gibts genau zu dem Thema was Hilfreiches zu lesen:
http://volkerlist.de/?p=421