Arbeitsfeld Szenische Interventionen

Mit hessischer Höflichkeit und wenig Scheu vor Honoratioren moderierte meine Lieblingsfigur “Karl-Heinz” die 75-Jahr-Feier des GUV (Gemeinde-Unfallversicherungs-Verband Oldenburg).

Das ist immer eine kleine Gratwanderung: Wie wird die Ernsthaftigkeit  und Würde einer solchen Veranstaltung gewahrt? Wie viel Witz und Frechheit kann sich „Karl-Heinz“ erlauben? - 

Ich versuche die Energie dieser Kunstfigur zu nutzen, um alte ausgehöhlte Traditionen mit neuem Leben zu füllen. Dabei muss man natürlich bestimmte Formen zerstören, z.B. die unsägliche endlose Abfolge oft schlecht abgelesener Reden. Statt dessen setzt man die Lebendigkeit, die es letztlich zu feiern gilt, wenn etwas lange erfolgreich war. Dazu müssen die Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken; mit ihren persönlichen individuellen Erfahrungen und Erlebnissen.

Am 16. Juni 2010 hat eine meiner Lieblingsfiguren – Hausmeister Karl-Heinz – erstmals eine ganze Veranstaltung moderiert, und zwar die 60-Jahr-Feier der Unfallkasse des Bundes in Wilhelmshaven.

Bisher habe ich theatrale Kunstfiguren nur als szenische Interventionen eingesetzt.

Die für bestimmte Großgruppenveranstaltungen geschaffene Figuren sollen gezielt vorab besprochene Impulse geben und damit genau definierte Problemfelder, Themen, Prozesse und Abläufe auf besondere Weise in den Fokus rücken.

Die Geschäftsführung wünschte sich keinen langweiligen Reden-Marathon und nicht die wohlbekannte Steifheit, die allzu oft solche Veranstaltungen prägen, sondern eine lebendige und heitere, kurzweilige Veranstaltung, bei der die fast 470 Beschäftigten im Mittelpunkt stehen.

Natürlich waren die anwesenden Gäste zunächst irritiert, dass die Geschäftsführung nach der Eröffnungsmusik den Hausmeister bat, ihn beim Protokoll zu unterstützen, da der bestellte Moderator angeblich nicht gekommen war.

Karl-Heinz, anfangs noch etwas unsicher und schüchtern, nahm die Herausforderung an und fühlte sich nach und nach in der Rolle des Ersatzmoderators sichtlich wohler, wurde frecher, verwarf das Veranstaltungsprogramm, setzte eigene Ideen um und sorgte dafür, dass keinen Moment Langeweile aufkam.

Der Potsdamer Dialog ist eine seit 2007 jährlich durchgeführte Veranstaltung mit ca. 240 Teilnehmern und dient der Vernetzung der Akteure für Gesundheitsförderung und Arbeitsschutz im Bundesdienst.

Als Ergänzung zur Moderation zusammen mit einer Kollegin schlüpfe ich einige Male in die Rolle des Hausmeisters Karl-Heinz.
Dieser reflektiert Themen auf seine eigene Weise und streut auch mal gerne Salz in offene Wunden; sprich: Er spricht wichtige Themen und Probleme an, um die das Management und auch Mitarbeiter gerne mal einen Bogen machen. Aber er greift – was wohl das Wichtigere ist – auch die konstruktiven Anregungen aus Vorträgen und Diskussionen auf und verstärkt damit den Lerneffekt.

Über viele Jahre habe ich mit einem Kollegen eine Großgruppenveranstaltung entwickelt und moderiert, die die Mitarbeiter von VW über den Produktentstehungsprozess informiert.

In dieser Veranstaltungsreihe wurden zur Überraschung der Teilnehmer auch „lebendige“ Folien gezeigt.

Diese Folien entpuppten sich als szenische Interventionen, die entsprechende Aspekte des Produktentstehungsprozesses auf besondere Art und Weise visualisierten und Problematiken zuspitzten. Ein Impuls dieser Art setzte bei Teilnehmern sehr viel mehr Gesprächslust frei als eine reine Vortragsmethode.

Eine andere Figur ist der „Zeitungsleser“. Er liest unterschiedliche Texte (die ich meist selbst schreibe) aus Zeitungen vor, die in irgend einer Weise ein anderes Licht auf das zu bearbeitende Thema werfen. Manchmal ist es auch eine Zeitung aus der Zukunft, die widerspiegelt, was aus dem aktuellen Prozess geworden ist; eine kleine Zeitreise, die manchmal Heiterkeit oder auch Verblüffung auslöst. - Hier auf dem 7. Kongress für Wirtschaftspsychologie 2008 in Fellbach bei Stuttgart.

2003 gestaltete ich mit der VW-Coaching und Partnern  zusammen eine Serie von fünf Großgruppenveranstaltungen mit insgesamt 800 Mitarbeitern und Führungskräften des Vertriebs von Volkswagen. Ausgangspunkt des Veränderungsprozesses war die neue GVO, die Gruppenfreistellungsverordnung. Auch die (Rück-) Besinnung auf die guten Werte bei VW und die Frage, wie passen wir diese an die Veränderungen im wirtschaftlichen Umfeld an, setzen diesen Prozess in Gang. Werte müssten schließlich gelebt werden und insofern sei prima, dass man sich quasi wieder auf sie besinne und nun versuche, sie neu zu beleben und überdies ein gutes Zeichen, dass VW eigentlich schon immer brauchbare Leitlinien gehabt habe – so äußerte sich sinngemäß der Vertriebs-Chef von Volkswagen. Natürlich müssten diese auch von Zeit zu Zeit auf den Prüfstand. Diese Prüfung fand auch tatsächlich zuvor in einem kleinen Rollenspiel statt. Mehrere Theaterszenen lockerten die Arbeit immer wieder auf, wenn der ‚Blinde Passagier‘ auftrat, vom Schiffskoch üblicherweise mit Kartoffelschälen beauftragt, aber auch aus der Kapitänsbücherei mit Lesestoff versorgt. Er zog immer wieder Vergleiche zwischen dem aktuellen Veränderungsprozess bei VW und dem Denken und Verhalten berühmter Schiffscrews und ihrer Führungen.

Bei der Fusion von drei PSD-Banken in Süddeutschland von 2002 bis 2004 haben wir den Prozess nicht nur mit der Gestaltung und Moderation zahlreicher Großgruppenkonferenzen, sondern auch mit vielerlei szenischen Interventionen mit den Mitarbeitern unterstützt u.a. einer prägnanten Szenencollage mit Basler Masken und einem Film über die Fusion und deren Schwierigkeiten (Hochzeit zu dritt).

Die Figur „Hausmeister Karl-Heinz“ oder entsprechend „Pedell“ bei der Management Summerschool in der Schweiz bringt in mehreren szenischen Beiträgen Themen und Probleme auf seine sehr eigene Weise auf den Punkt. Entweder konfrontiert er die Teilnehmer mit einer ungewöhnlichen Perspektive oder legt seinen Finger in Wunden, sprich: Themen, die niemand so recht ansprechen möchte. Er spricht drei Sprachen: Deutsch, Hessisch und Tacheles. 
Als Methode und Instrument ist die szenische Intervention in der Lage, schnell auf neu aufkommende Aspekte zu reagieren, da die Auftritte der Figur nicht durchgeplant und Sprechtexte fertig vorformuliert sind, sondern der Darsteller der Figur auf der Grundlage eines Settings improvisiert. Verblüfft sind die Teilnehmer auch zumeist, wenn ich als Moderator der Veranstaltung plötzlich in einer vollkommen anderen Rolle auftrete.Auf einem Foto balanciert Karl-Heinz auf einem Tau, das von acht Menschen gehalten wird und demonstriert am Ende einer szenischen Intervention, wozu selbst er in der Lage ist, wenn Fokus und Energie (das Thema dieser Summerschool) richtig zusammengeführt werden.

 

Die Arbeit mit Basler Masken ermöglicht auf vielfältige Art und Weise Laien in theatrale Arbeit einzuführen. Dem zweiten Ich – der Maske – können all jene Sorgen, Ängste und Bedenken zugeschrieben werden, z.B. gibt es die „Blöde Maske“ die stoisch alle Vorgänge und Maßnahmen mit „Warum?“ in Frage stellt. - Das Bemühen des Gesprächspartners, jedes „Warum“ ernsthaft und sorgfältig zu beantworten, führt zu einer intensiven Durchdringung eines Prozesses oder eines Projektes. Im Alltag würde man sich kaum trauen, mehr als zwei- bis dreimal derart nachzufragen; die blöde Maske darf das. Ihr theatraler Status gibt ihr dieses Recht und er legt die Regel fest. Nach einigen Dutzend Warums landet man gewöhnlich in einer Redundanzschleife, dann ist die Befragung erschöpft. Beim Institut für Arbeit und Gesundheit in Dresden gestalte ich seit 2000 verschiedene Seminare zur Dozentenqualifizierung.

Bei der Einrichtung des Innovations-Managements bei Audi 1999 arbeitete ich mit den verantwortlichen Führungskräften das Thema theatral auf.

Beim Kick-off zum Start des Innovations-Managements präsentierte die Gruppe Manager ihre Szenen vor Belegschaft und Vorstand. Es kommt zum Aha-Erlebnis, das sowohl bereits etablierte Veränderungen bestätigt oder in Frage stellen kann oder Anstöße für neue Denkrichtungen geben kann. Das Publikum, Mitarbeiter und Vorstand, waren gleichermaßen überrascht vom Mut ihrer Kollegen, die Dinge theatral beim Namen zu nennen. Gleichzeitig schweißte der gemeinsame Auftritt die Projektgruppe enger zusammen und das theatrale „Du“ während des Inszenierungsprozesses behielt die gemischte Gruppe aus Führungskräften und Ingenieuren im weiteren Arbeitsprozess bei.

Weitere Infos und Bespiele unter http://list-rhetorik.de

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